Während bei uns der 21. Dezember der kürzeste Tag des Jahres ist und die Dunkelheit nur für wenige Stunden weicht, strahlt am anderen Ende der Welt die Sonne scheinbar heller denn je: Im südamerikanischen Chile hat die Energiewende verhältnismäßig spät begonnen, vollzieht sich nun aber in rasantem Tempo – unter sehr anderen Voraussetzungen als in Deutschland.

Endlos scheint die Wüste, wenig findet das Auge in dieser grauen Ödnis, um sich daran festzuhalten. Umso erstaunlicher wirkt dieser Turm: 243 Meter hoch, grauer Sichtbeton, schlichte Silhouette, so überragt er die Atacama-Wüste. Er ist so etwas wie das Wahrzeichen des Solar-Booms, der den Energiesektor Chiles seit drei Jahren auf den Kopf stellt. Zugleich ist er eine Besonderheit: Es ist das erste Solarturmkraftwerk Südamerikas. Im kommenden Jahr soll es fertiggestellt werden. Weltweit gibt es erst wenige solcher Kraftwerke, die Fachleute in die Kategorie der „Concentrated Solar Power Plants“ einordnen. Die größten stehen in den USA, in Europa sind die Sonnentürme bislang nur in Spanien zu finden.

Neben dem Turm gehören zu der Anlage hunderte Spiegel, die rund um den Turm installiert sind. Insgesamt werden es 10 600 sein, jeder mit 140 Quadratmetern Fläche. Angeordnet werden sie in einem Kreis von 1,5 Kilometern Durchmesser rund um den Turm. Auf dessen Spitze muss noch ein Sonnenkollektor mit einem riesigen Tank installiert werden, in den später Solelösung gepumpt wird.

Auch in der Nacht

Dann kann aus der Sonne Strom werden: Mit den vielen Spiegeln wird das Sonnenlicht auf die Turmspitze gelenkt, wo sie die Sole auf über 500 Grad erhitzt – das ist genug Hitze, um am Boden eine klassische Dampfturbine anzutreiben und bis zum 110 Megawatt Strom zu erzeugen. Auch dann noch, wenn die Sonne längst untergegangen ist: Die 50 000 Tonnen Salzlösung speichern für etwa 17 Stunden ausreichend Wärme zum Betrieb der Turbine – bis sie vergangen sind, steht die Sonne über der Atacama, in der es so gut wie nie regnet, schon wieder hoch am Himmel. Das gesammelte Sonnenlicht wird so konzentriert sein, dass man die Reflexion zwischen Spiegeln und Turm auch im gleißenden Tageslicht als Strahlen wird erkennen können.

Eine Milliarde Euro kostet der Bau dieses Solarkraftwerks, zu dem auch noch zwei gigantische Photovoltaik-Felder gehören, die zusammen auf weitere 100 Megawatt ausgelegt sind und von denen das erste bereits am Netz ist. Ursprünglich sollte der Bau längst abgeschlossen sein, allerdings ging den Initiatoren aus den USA und Spanien das Geld aus. Inzwischen sind neue Investoren am Werk, an der aktuellen Finanzierung ist auch die deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau beteiligt. Mit insgesamt 210 Megawatt Kapazität kann sich die Anlage mit konventionellen Kraftwerken messen; das Heizkraftwerk West in Frankfurt, mit dem ein Großteil des Strombedarfs der Stadt erzeugt wird, bringt es auf rund 260 Megawatt.

Auf dem freien Markt

2019 muss der Sonnenturm liefern, was sich die Investoren von ihm versprechen, denn der Strom ist bereits verkauft. Chiles Kupferbergbau hat einen riesigen Energiehunger und nimmt den grünen Strom gerne ab – vorausgesetzt, er ist billiger und fließt ebenso verlässlich wie jener aus den zwar klimaschädlichen, aber technologisch bewährten Kohlekraftwerken.

Das ist die große Besonderheit der chilenischen Energiewende: Die grünen Technologien müssen sich auf dem freien Markt durchsetzen. Die Regierung hat zwar das Ziel ausgegeben, dass bis zum Jahr 2050 siebzig Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen kommen sollen, aber Subventionen oder Sonderbehandlungen für grüne Technologien gehören nicht zum Programm. In Chile kennt man keine Soziale Marktwirtschaft, gibt es abgesehen von einigen Kupferminen keine Staatsunternehmen und werden Steuern auch nicht als Mittel der Umverteilung genutzt. Vielmehr versteht sich der Staat als Regulierer, der mit Hilfe von Gesetzen und Vorgaben Bedingungen schafft, unter denen auch die öffentliche Infrastruktur von privaten Unternehmen betrieben werden kann. Straßen, Stromleitungen, Kraftwerke, Schulen, Krankenhäuser – nichts davon wird in Chile staatlich betrieben.

Technologie-Neutralität ist das große Schlagwort, mit dem die chilenische Regierung ihre Energiepolitik überschrieben hat. Diese setzt erst seit drei, vier Jahren auf erneuerbare Quellen und den Klimaschutz. Dafür aber gelingt die Energiewende mit rasanter Geschwindigkeit. „Was unser Land gerade erlebt, ist keine Energiewende, das ist eine Energie-Revolution“, sagte Andrés Rebolledo, Energieminister in der inzwischen abgewählten Mitte-Links-Regierung von Michelle Bachelet, kurz vor der Wahl. „Wir wollen bis 2050 siebzig Prozent unseres Strombedarfs aus erneuerbaren Energien decken, aber den neuesten Prognosen nach könnten es auch 90 Prozent werden“, frohlockte der Noch-Minister. Unter Rebolledos Ägide wurden 2014 Ausschreibungsregeln und Einspeise-Vorgaben für den Stromsektor überarbeitet, um den Erneuerbaren einen Zugang zum Markt zu verschaffen. Inzwischen wird in Chile der billigste Solarstrom weltweit erzeugt: 3 Cent für die Kilowattstunde, ein Drittel des deutschen Preises.

Dass die Entwicklung weitergeht, auch wenn nun ein anderer sein Amt übernimmt, davon gab sich der Politiker überzeugt: „Die Energiewende ist einer der größten Erfolge unserer Regierungszeit. 2014 gab es noch viele Zweifler, aber inzwischen ist sie von ganz rechts bis ganz links Konsens.“

Überall im Land entstehen derzeit große Windparks und vor allem die Sonne gilt als Energiequelle der Zukunft. Es gibt schließlich weltweit kaum Regionen, auf die mehr Sonneneinstrahlung fällt als auf Chile. Trotzdem ließ das Land diese Quelle lange ungenutzt, deckte seinen Strombedarf lieber mit günstigem Gas aus Argentinien. Doch das Nachbarland stellte 2005 seine Lieferungen plötzlich ein, die Chilenen mussten auf Diesel und Kohle umsteigen, der Strompreis stieg enorm. Dass es anders gehen kann, daran wollte lange keiner glauben. „Die haben sich benommen wie Betonköpfe“, erzählt Rainer Schröer, Leiter des Energie-Programms der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Chile. Im Auftrag des Bundesumweltministeriums berät die GIZ, deren Hauptsitz in Eschborn ist, in Chile Regierung und Energieunternehmen zu Maßnahmen für Klimaschutz und Energieeinsparungen. So stellte man grundlegende Berechnungen darüber an, was Chile mit der Kraft von Sonne, Wind und Wasser alles in Bewegung setzen könnte: Würde das volle Potenzial genutzt, könnte das Land seinen Energiebedarf um ein Hundertfaches decken.