Woher kommt unser Gemüse? – Bioanbau in Uruguay

Bioanbau in Uruguay

 
 
 

Gemüse aus konventionellem Anbau ist immer mit Pestiziden behandelt worden und diese sind bekanntermaßen gesundheitsschädlich. Trotzdem ist der Verzehr von Bioprodukten nur bei einer äußerst kleinen, meist mittelständigen Minderheit die Regel. Klar, weil teurer. In Uruguay kommt hinzu, dass die meisten Bioprodukte nur schwer zugänglich sind. Doch die Nachfrage steigt. Fälle von Gesundheitsbeschwerden durch den Einsatz von Pestiziden haben viele Menschen bewogen, bei der Ernährung auf „Bio“ umzusteigen. Während die EU die Glyphosat- Zulassung erst im Juli dieses Jahres bis 2022 verlängert hat, trat in Uruguay Anfang Juni ein neues Gesetz für eine ökologische und nachhaltige Agrarwirtschaft in Kraft.

Im Parque Rodó, im Zentrum von Montevideo, findet jeden Sonntag ein Wochenmarkt statt. Auf den ersten Blick ist es ein ganz gewöhnlicher Markt mit den unterschiedlichsten Obst und Gemüsesorten, Kräutern, Eiern, Marmelade, Honig und kleinen Jungpflanzen. Das Besondere: Hier werden ausschließlich Produkte aus ökologischem Anbau verkauft. Wir treffen Gustavo Gutierrez. Er betreibt einen der ungefähr zehn Stände. Vor fünf Jahren hat er seinen Betrieb komplett auf Bio umgestellt. Ursprünglich wurde auf dem Familiengut konventionelle Landwirtschaft betrieben. Nach und nach stellten sie auf biologischen Anbau um. Als ihnen bewusst wurde, dass es vor allem für die eigene Gesundheit besser ist, keine Pestizide zu sprühen und als sie merkten, dass die Nachfrage groß genug war, haben sie angefangen, vollständig auf Bioanbau umzustellen, berichtet er uns.

Ein partizipatives Biosiegel

Seit 1997 gibt es ein Biosiegel, das über den Verband für die Zertifizierung Ökologischer Landwirtschaft Uruguays gemeinsam von den Produzierenden, Konsument*innen und Fachkräften ausgestellt wird. Dieses Siegel wird inzwischen auch vom Ministerium anerkannt. Betania Borgenes arbeitet seit 15 Jahren als Biobäuerin und hat sich über viele Jahre für die Zertifizierung eingesetzt und sagt: „Wenn wir an öffentlichen Orten verkaufen, wie dem Wochenmarkt, in Supermärkten, haben wir Biobauern dann dieses Siegel, das unsere Produkte auszeichnet.“ Auch Enrique Fallán berichtet von dem langen Weg zur Zertifizierung, die anfänglich nur eine Art Ehrenkodex unter den Bäuer*innen selbst war. Er hat auch einen Stand im Parque Rodó und hat die Entwicklungen sehr genau mitbekommen, als er vor über dreißig Jahren als Pflanzengärtner anfing und Jungpflanzen für den Gemüseanbau züchtete. Diese ließ er sich patentieren. Später fingen er und andere Biobauern an, sich einmal im Monat zu treffen. Sie trafen sich immer bei irgendwem zu Hause und eins der ersten Themen war die Zertifizierung. Sie legten dort gemeinsam die Einhaltung der Standards fest, erzählt er, außerdem sei es wichtig, weil die meisten „Bio“ aus gesundheitlichen Gründen konsumieren.

Buntes Angebot ohne Pestizide

Der Anbau und Vertrieb von Biogemüse bedeutet für die kleinen Unternehmen und Familienbetriebe, dass sie verschiedene Sorten Gemüse anbauen müssen. Das ist für den Boden und das Ökosystem ohnehin besser. Außerdem können große Mengen nur einer Sorte Gemüse bis hin zu Monokulturen auch keinen Stand auf dem Wochenmarkt bestücken. Wir stehen vor dem Gemüsestand von Juan. Er berichtet, dass sie ungefähr vierzig verschiedene Sorten Gemüse anbauen und dass die Kunst darin bestehe, immer die unterschiedlichsten Angebote zu haben. Es gehe nicht darum, so Juan, viel von einer Sorte zu haben, sondern ein möglichst breites Angebot zu schaffen.

Betania Borgenes erzählt, dass heutzutage die Nachfrage sehr viel größer ist als das Angebot und die Biobauern daher absolut alles verkaufen, was sie anbauen. Doch besonders reich werden sie damit nicht, denn die Erträge sind oft gering. Enrique Fallán ergänzt, dass sie als Biobauern keine Pestizide spritzen und deshalb sehr viel mehr Arbeit damit haben, den Anbau frei von Schädlingen zu halten. Letztes Jahr hatte er zum Beispiel Tausende von roten Zwiebeln, die er alle in Handarbeit von Schädlingen freihielt und am Ende kam er auf einen Gewinn von einem Peso pro Zwiebel. Ein Peso – das ist weniger als 3 Euro-Cent pro Stück.

Wie funktioniert Bio in der Praxis?

Juan und Betania wohnen am Camino Maldonado, 22 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums von Montevideo. Hinter einem kleinen, eher ärmlichen Vorort liegt das etwa zehn Hektar große Landgut, wo die beiden mit ungefähr acht weiteren Familien wohnen. Ein riesiger Acker ist mit Mangold, Kartoffeln und verschiedenem Blattgemüse bepflanzt. Es gibt zwei große Gewächshäuser und ein Gelände für die Hühner. Mittendrin stehen etwa zehn selbstgebaute Lehmhäuser, Kinder spielen, die Erwachsenen erledigen unterschiedliche Arbeiten: Es werden Lehmblöcke für den Hausbau gestampft, jemand hängt Wäsche auf, der Traktor wird gerade repariert. Sie leben in einer großen Gemeinschaft, in der alle mit anpacken. „Wir sind hier auf unserem Land, wir nennen diesen Ort Wayra. Neben dem Öko-Landbau haben wir noch andere nachhaltige Projekte, zum Beispiel ökologisches Bauen. Beim Biogemüseanbau sind wir zu dritt, Juan, Manuèl und ich sowie meine 18 jährige Tochter Carlota“, erzählt Betania. Juan zeigt auf den Acker, wo gerade Mangold wächst: „Wir vertreiben das was wir anbauen direkt und verkaufen die Produkte auf dem Markt. Das hat den Vorteil, dass keine Zwischenhändler daran verdienen, aber auch dass wir mit unseren Abnehmer*innen direkt im Kontakt sind. Wir können daher auch wissen, was sich besser verkauft und was nicht.“

Bloß weg von der konzerngesteuerten Lebensmittelproduktion

Seit Juni macht das Thema Landwirtschaft in Uruguay wieder Schlagzeilen. Am 6. Juni 2019 gingen mehrere Tausend Menschen auf die Straße: Biobäuerinnen und -*bauern, Aktivist*innen von Nachbarschaftsgärten, zivilgesellschaftliche und Umweltorganisationen und viele mehr. Die Regierung hat schnell reagiert und ließ das bereits im Dezember 2018 verabschiedete Gesetz, das eine ökologische Agrarwirtschaft zum öffentlichen Interesse erklärt, einen Tag zuvor in Kraft treten. Ein Teilerfolg für die Agraraktivist*innen. Ein Blick in den Gesetzestext verrät folgendes: Der Zugang zu Bioprodukten soll für alle verbessert, eine nachhaltige Entwicklung stärker subventioniert, die Ernährungssouveränität und -sicherheit unterstützt, die Biodiversität bewahrt und wieder hergestellt werden. Außerdem wird der Erhalt von Saatgut ohne gentechnische Manipulation unterstützt.

Wie erfolgreich das Gesetz sein wird, hängt vor allem von der gesellschaftlichen und politischen Umsetzung ab. Zunächst wurde eine Kommission gegründet. Die Mitglieder – das sind das Ministerium für Agrarwirtschaft, das Umwelt- und Gesundheitsministerium, Delegierte der Universitäten, Bürgermeister*innen und Vertreter*innen zivilgesellschaftlicher Organisationen wie zum Beispiel die Bio-Bauernverbände – sollen gemeinsam den im Gesetz festgehalten Plan umsetzen. Juan sieht das ganze jedoch kritisch: „Es gibt mehrere Probleme, aber das politische Problem ist die Souveränität der Staaten. Zur Zeit können die Länder nicht darüber bestimmen, was sie anbauen, wie sie ihre Bevölkerung ernähren. Was hier gegessen wird, wird woanders entschieden. Heutzutage planen das Unternehmen wie Bayer/Monsanto und es ist unmöglich zu erfahren wo und wie genau das geschieht, noch weniger in einem so am Rande gelegenen Land wie Uruguay.“ Bei dem Bioanbau in Uruguay geht es um Umweltschutz und die eigene Gesundheit. Aber eben auch darum, Alternativen zu einer globalisierten und konzerngesteuerten Lebensmittelproduktion zu entwickeln.