Argentinien: Hunger statt „null Armut“

Auf den Straßen treffen sich die Menschen, um zu protestieren. Soziale Bewegungen rufen zu Streiks und Straßenblockaden auf.

 
 
 

„Null Armut“ – das hatte die argentinische Regierung von Präsident Macri beim Amtsantritt versprochen. Doch nun musste das Land den Lebensmittelnotstand erklären. Was ist passiert?

Jeden Tag kommen mehr. Mit der Tupperdose in der Hand stehen sie Schlange vor einer Armenküche, die „La Esperanza“ heißt, „die Hoffnung“. Hier gibt es das, was sich viele nicht mehr leisten können: eine warme Mahlzeit. „Alles wird immer teurer, weil die Preise sich nach dem US-Dollar richten, aber der Peso immer weniger wert ist“, sagt Evelyn Conde, die mit ihrer zweijährigen Tochter ansteht. Der Vater verlor vor einem Jahr seinen Job in einer Lederfabrik. Die junge Familie ist mit der Miete in Verzug, auch die Windeln für die Kleine können sie sich nicht mehr leisten.

In der Armenküche stehen dampfende Suppentöpfe auf dem Herd, brutzeln Milanesa-Schnitzel im Ofen, zum Nachtisch gibt es Orangen. 350 Rationen werden täglich ausgegeben, dreimal mehr als noch vor zwei Jahren. „Ich muss trotzdem täglich Leute wegschicken“, sagt Lidia Lopez, die die Küche leitet.

Schuhe gegen Milch und Mehl

Argentinien steckt mal wieder in einer schweren Wirtschaftskrise. Die Inflation ist eine der höchsten der Welt. Jeden Tag schließen Dutzende Fabriken, und auf den Straßen wird demonstriert. In den Vororten treffen sich die Menschen wieder zu Tauschmärkten: Ein Paar Schuhe gegen Milch und Mehl, Speiseöl im Austausch für einen Haarschnitt.

In einem Land, das Lebensmittel für 400 Millionen Menschen produziert, können 3,4 Millionen der Einwohner nur noch ein Mal am Tag essen. Der Kongress hat vergangene Woche den Nahrungsmittelnotstand ausrufen. „Dabei hat Macri null Armut versprochen“, schimpft Lopez, „aber was soll man von so einem Millionärssöhnchen schon erwarten, der regiert nur für seinesgleichen.“

An ihrem Kühlschrank hängt eine Tafel, darauf trägt die blonde Mittvierzigerin mit kräftigen Oberarmen und knallroter Brille jeden Morgen ein, wie viele Tage dem Präsidenten und seiner Regierung noch bleiben. Im Oktober stehen Wahlen an. Dass Mauricio Macri im Amt bestätigt wird, darf als eher unwahrscheinlich gelten. Denn bei den Vorwahlen, einer Art Stimmungstest Mitte August, verlor er haushoch gegen seinen Herausforderer von der peronistischen Partei, Alberto Fernández.

Die Märkte stimmte das allerdings weniger hoffnungsvoll als die argentinischen Wähler: Die Börsenkurse ratterten in den Keller, die Landeswährung Peso brach ein, und die Zinssätze, die Argentinien für neue Schulden zahlen muss, schossen in die Höhe.

Macri erbte tiefes Haushaltsloch

Dabei sorgte weniger der als gemäßigt geltende Mitte-Links-Politiker Alberto Fernández für Panik, sondern seine Vizekandidatin, die linkspopulistische Ex-Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner. Sie stützte die heimische Industrie mit großzügigen Subventionen und steckte Milliarden in Sozialprogramme. Als das Geld knapp wurde, führte sie Preis- und Kapitalkontrollen ein und schmiss die Notenpresse an. Macri erbte 2015 ein tiefes Loch im Haushalt und eine Inflation von 25 Prozent. Kirchners Rückkehr bedeute das Ende Argentiniens, erklärte ein angesäuerter Macri nach seiner Wahlschlappe im August.

Märkte haben keine Ideologie, sagt dagegen Börsenmakler Carlos Arhancet von Futuro Bursátil. Der Absturz zeuge in erster Linie von der Schwäche der argentinischen Wirtschaft und einer großen Vertrauenskrise. Und die habe Macri noch einmal verschärft, sagt der Finanzexperte, der 2015 große Hoffnung in die Regierung des liberalen Unternehmers setzte. Schließlich versprach Macri das, was im Großteil der Welt als vernünftige Wirtschaftspolitik angesehen wird: Marktöffnung, Subventionsabbau und den Haushalt sanieren.

Gefangen in der Schuldenfalle

Gleichzeitig aber machte seine Regierung Schulden im Rekordtempo. Davon ganze 57 Milliarden US-Dollar beim Internationalen Währungsfonds, es ist der größte IWF-Kredit aller Zeiten. „Wo bitte ist das ganze Geld?“, fragt sich heute nicht nur Lopez aus La Boca. Denn der versprochene „Investitionsregen“ blieb aus. Was kam, war vor allem Spekulationskapital, das genauso schnell abzog, wie es gekommen war.

Die Regierung habe sich vom süßen Geld blenden lassen, aber den globalen Kontext und die eigene Schwäche unterschätzt, kritisieren viele Ökonomen – darunter Héctor Torres, ehemaliger Vertreter Argentiniens beim Währungsfonds. Die IWF-Milliarden seien zu großen Teilen genutzt worden, um die Kapitalflucht finanzieren.

„Das Land braucht einen Zauberer“

Schon jetzt steht fest: Argentinien wird seine Schulden nicht – wie vorgesehen – bedienen können. Nun ist es ausgerechnet der wirtschaftsliberale Macri, der erneut Kapitalkontrollen einführt.

Lopez musste derweil wieder Menschen wegschicken, weil das Essen in ihrer Armenküche nicht ausreicht. Währenddessen haben soziale Bewegungen Streiks und Straßenblockaden angekündigt. Wer immer die Wahlen im Oktober gewinnt, hat eine Mammutaufgabe vor sich. Uruguays Ex-Präsident Pepe Mujica erklärte vor kurzem: Das Nachbarland brauche einen Zauberer – mehr als einen Politiker.