Brasilien gibt Corona-Statistik wieder frei

Temperaturmessung bei Besuchern eines Einkaufszentrums in Brasilia (Archivbild)
article inline
 
 
 

Die Pandemie-Zahlen sind derart alarmierend, dass sie kaschiert werden sollten. Jetzt will die Regierung in Brasilia das Ausmaß der Pandemie wieder öffentlich bekanntmachen. Doch Experten weisen auf die Dunkelziffer hin.

Nach massiver Kritik und einem höchstrichterlichen Urteil ist die brasilianische Regierung zur vormaligen Darstellung der Corona-Statistik zurückgekehrt. Damit wird auch die Gesamtzahl der Fälle wieder bekanntgegeben. In den vergangenen 24 Stunden seien 1272 Menschen mit dem Virus gestorben, teilte das Gesundheitsministerium mit. Damit habe sich die Zahl der Toten auf insgesamt 38.406 erhöht. Innerhalb eines Tages gab es mindestens 32.091 Neuinfektionen – doppelt so viele wie in den USA. Die Summe aller erfassten Fälle erhöhte sich damit auf 739.503.

Brasilien verzeichnet nach den Vereinigten Staaten die zweithöchste Ansteckungsrate weltweit und die dritthöchste Zahl an Todesopfern. Am Freitag hatte die Regierung des rechtspopulistischen Präsidenten Jair Bolsonaro die bisherige Vorgehensweise bei der Veröffentlichung der Zahlen geändert: Es wurden zunächst nur noch die Neufälle genannt.

Nachdem an mehreren Tagen hintereinander Negativrekorde bei der Zahl der Corona-Toten registriert worden waren, gab die Regierung die Zahlen statt um 19 Uhr erst drei Stunden später frei – als die reichweitenstärkste Nachrichtensendung im Fernsehen schon zu Ende war. Gesundheitsexperten, Parlamentarier und Juristen hatten die Änderungen scharf kritisiert. Sie warfen Bolsonaro vor, er wolle das wahre Ausmaß der Pandemie verschleiern. Am Montag urteilte das oberste Gericht, die Regierung müsse bei den verlautbarten Zahlen zum alten Format zurückkehren. Experten vermuten, die Lage sei noch weitaus schlimmer, als von der Statistik ausgewiesen, da es in Brasilien relativ geringe Ressourcen für Corona-Tests gibt.

Der Präsident hatte die vom Coronavirus ausgelöste Lungenkrankheit COVID-19 in der Vergangenheit als „kleine Grippe“ bezeichnet. Die von brasilianischen Bundesstaaten verhängten Beschränkungen lehnt er ab, weil sie die Wirtschaft drosseln. Bei Treffen mit seinen Anhängern hat Bolsonaro selbst wiederholt die geltenden Abstandsregeln missachtet.