Jagd auf Jaguare floriert in Südamerika

Der Jaguar ist die größte Raubkatze Nord- und Südamerikas – und bereits jetzt vom Aussterben bedroht
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Ob Knochenpaste, Fellvorleger oder Schmuck aus Krallen und Zähnen – der illegale Handel mit Körperteilen gewilderter Jaguare ist in Zentral- und Südamerika in den vergangenen Jahren um ein Vielfaches gestiegen. Eine neue Studie scheint nun die Ursache dafür gefunden zu haben: den steigenden Einfluss chinesischer Investoren.

Experten und Expertinnen konnten in der Vergangenheit bereits vereinzelt Verbindungen zu China herstellen. Im Report der US-amerikanischen Naturschutzstiftung Wildlife Conservation Society (WCS) ist etwa von einem Fall zu lesen, als in Bolivien 2014 ein Paket mit rund 750 Jaguarzähnen aufgegriffen wurde, die in China zu Schmuck hätten weiterverarbeitet werden sollen.

Einer Anfang Juni erschienenen Studie zufolge, die in der Fachzeitschrift „Conservation Biology“ veröffentlicht wurde, gelang es nun erstmals, ein System hinter den Einzelfällen sichtbar zu machen. So konnte nicht nur bestätigt werden, dass die Beschlagnahmung von Jaguarteilen von Mexiko bis Argentinien enorm zunahm, sondern auch, dass der Handel stark mit der Zunahme von privaten Investitionen aus China korreliert.

Gleiches Muster wie in Südafrika und Südostasien

„Zum ersten Mal haben wir ein umfassendes Bild davon, was in Mittel- und Südamerika in Bezug auf den Handel mit Jaguarkörperteilen geschieht. Wir wussten, dass es illegalen Handel gibt. Doch uns war nicht bewusst, dass er steigt“, kommentierte die Hauptautorin der Studie Thais Morcatty die Ergebnisse gegenüber der „New York Times“ („NYT“).

Ein ähnliches Muster ließe sich in Südostasien und Afrika erkennen. Auch dort habe die zunehmende Präsenz von chinesischen Unternehmen zu einer Steigerung des illegalen Wildtierhandels geführt. Diese Dynamik tauche nun langsam in Südamerika auf, denn wenn es eine Nachfrage gebe, werde diese erfüllt – „selbst wenn es auf einem Kontinent auf der anderen Seite der Welt ist“, so der Koautor der Studie Vincent Nijman gegenüber der „NYT“.

Korruption und Armut entscheidende Faktoren

Da es kaum offizielle Zahlen seitens der Behörden gebe, wurden für die Studie Zeitungsartikel, wissenschaftliche Forschungsberichte und Polizeireporte aus Zentral- und Südamerika zwischen 2012 und 2018 analysiert. In diesem Zeitraum habe sich die Zahl der beschlagnahmten Jaguarteile auf das 200-Fache erhöht. Am häufigsten beschlagnahmt wurden mit rund 2.000 Stück Jaguarzähne.

Die meisten Fälle gab es in Brasilien, gefolgt von Bolivien, Kolumbien und Peru. Wenig überraschend floriert der illegale Handel stark in Ländern, die unter Korruption und Armut leiden. Als Beispiel nannte Morcatty „käufliche“ Ranger: „Wenn Ranger wissen, sie können mit dem Verkauf einzelner Körperteile viel Geld erhalten, seien sie auch eher dazu verleitet, diese zu erschießen“, so Morcatty gegenüber der „NYT“.

Getötet und nach China geschmuggelt

In mehr als einem Drittel der Fälle konnte zudem einen Bezug zu China nachgewiesen werden. So seien in den nur fünf Jahren mehr als 800 Jaguare für ihre Zähne, ihr Fell und ihre Knochen getötet und nach China geschmuggelt worden, zitiert „National Geographic“ („NG“) aus der Studie. Die Dunkelziffer dürfte aufgrund der schwachen Datenlage allerdings um einiges höher sein.

Chinesische Investitionen hätten sich in Mittel- und Südamerika im vergangenen Jahrzehnt verzehnfacht – hauptsächlich in den Bereichen Energie, Bergbau und Infrastruktur, so die Studie. Die Formel laute daher: Je mehr chinesisches Geld in die Regionen fließt, desto stärker ist die Zunahme des Jaguarhandels.

Große Infrastrukturprojekte als Gefahr

„Länder, die engere Beziehungen zu China haben, kombiniert mit einer schwachen Regierungsführung, kombiniert mit einem hohen Maß an Korruption – es ist fast wie ein Rezept für eine Zunahme des illegalen Handels mit Wildtieren“, so Koautor Nijam gegenüber „NG“.

Chinesische Investments böten zwar zweifellos zahlreiche Vorteile, brächten aber eben auch neue potenzielle Käufer von Jaguarprodukten ins Land, so die Vizepräsidentin der Wildlife Conservation Society, Sue Lieberman, gegenüber der „NYT“. Wenn es bei großen Infrastrukturprojekten darum gehe, neue Gebiete zu erschließen, etwa im Amazonas-Gebiet, führe das zu einer verstärkten Wilderei auf Jaguare. Sind chinesische Unternehmer an diesem beteiligt, erhöhe das die Wahrscheinlichkeit, dass Jaguarprodukte auf den Markt kommen, so Lieberman.

„Viele Wildtierprodukte passieren unbemerkt die Grenze“

Lange Zeit dürfte die Wilderei in Zentral- und Südamerika jedoch unbemerkt geblieben sein, da Behörden diesem Thema einfach keine Aufmerksamkeit geschenkt hätten, so die Spezialistin für Wildtierkriminalität, Pauline Verheij, gegenüber der „NYT“. Gegenüber „NG“ sagte sie: „Die süd- und mittelamerikanischen Strafverfolgungsbehörden konzentrieren sich traditionell auf Schusswaffen und Drogen. Daher ist es wahrscheinlich, dass viele illegale Wildtierprodukte unbemerkt die Grenze passieren.“

Handeln, „bevor es zu spät ist“

Die Hauptautorin der Studie, Morcatty, sagte zwar, dass der Handel mit gewilderten Jaguaren gerade erst am Anfang stehe. Doch da chinesische Investments auch in Zukunft zunehmen dürften, sei jetzt der Zeitpunkt einzugreifen, bevor die Situation außer Kontrolle gerate.

Die Autoren und Autorinnen der Studie appellieren daher an die Politik. Es brauche eine Kooperation zwischen der chinesischen und den lateinamerikanischen Regierungen. Chinesische Unternehmen müssten zudem sicherstellen, dass ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen über die Illegalität des Jaguarhandels aufgeklärt werden und sich nicht an Wildtierverbrechen beteiligen.

Bereits einmal kurz vorm Aussterben

Jaguare sind in der Vergangenheit bereits einmal kurz vor dem Aussterben gewesen – alleine in dem Jahr zwischen 1968 und 1969 hätten die USA mehr als 23.000 Jaguarfelle importiert, so die „NYT“. Erst durch große internationale Anstrengungen konnte 1975 ein internationales Handelsverbot erreicht werden. Anfang 2020 wurden Jaguare bei der UNO-Konferenz über die Konvention zur Erhaltung wildlebender Tierarten (CMS) in die höchste CMS-Schutzliste aufgenommen. Entsprechend dieser sollen die mehr als hundert Mitgliedsländer das Töten dieser Tiere verbieten.

Heute gibt es laut der Fachzeitschrift „Nature“ geschätzt noch 60.000 bis 180.000 Tiere – laut Weltnaturschutzunion IUCN sind sie „potenziell gefährdet“ – nicht nur zuletzt aufgrund des Verlusts ihres natürlichen Lebensraums. Einem Bericht von „NG“ zufolge, hätten die Jaguare etwa aufgrund hoher Abholzungsraten bereits 50 Prozent ihres natürlichen Lebensraums verloren. Dadurch kämen sie WWF zufolge auch öfter in die Nähe von menschlichen Siedlungen, wo sie häufig erschossen werden.