Was wird aus der Lithium-Verarbeitung in Bolivien?

Kein Schwimmbad, sondern ein Verdunstungsbecken in Llipi, der Pilotanlage für die Lithium-Verarbeitung.
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Ein „gigantischer Wahlbetrug“ urteilte die Organisation Amerikanischer Staaten. Gemeint waren die Wahlen in Bolivien am 20. Oktober 2019. Stichhaltige Beweise lieferte die von den USA dominierte Organisation nie. Präsident Evo Morales, der die Wahl mit Abstand gewonnen hatte, sah sich zum Rückzug gezwungen, als sich Militär und Polizei auf die Seite einer gewaltbereiten Opposition schlugen. Jeanine Añez, selbst ernannte Übergangspräsidentin, betrat den Regierungspalast mit den Worten: Die Bibel sei nun wieder eingezogen. Die erzreaktionäre Politikerin verdammte angebliche „satanische Riten“ der indigenen Mehrheit Boliviens.

Damit endeten 14 Jahre Regierung des Aymara-Indigenen Evo Morales. Es war die längste Amtszeit in der Geschichte Boliviens, ein Land mit den meisten Staatsstreichen und Putschversuchen Lateinamerikas, mehr als 200 an der Zahl. In dieser Zeit verlieh Evo Morales den bis dahin sozial, politisch und kulturell diskriminierten Indigenen ein neues Selbstwertgefühl. Es waren vor allem sie, die von seiner Politik profitierten. Die extreme Armut wurde halbiert. Die Gesundheitspolitik war für alle kostenlos. Die Kindersterblichkeit sank. Das Pro-Kopf-Einkommen verdreifachte sich.

Gelder für die Sozialpolitik wurden im Andenland durch eine alternative Wirtschaftspolitik frei. Nationale Souveränität bei den Ressourcen war fortan angesagt. Bei Gas und Erdöl wurde der Gewinnanteil umgedreht, zugunsten des bolivianischen Staates. Multis müssen sich mit 20 Prozent zufrieden geben. Damit konnte auch ein ehrgeiziges, innovatives Vorhaben begonnen werden: Es bedeutet den Abschied von einem rein extraktivistischen Modell. Die Bodenschätze des Landes sollen künftig industriell verarbeitet werden. Darunter auch ein begehrter Rohstoff, der in der Hightech-Industrie unentbehrlich ist: Lithium, ein Leichtmetall. Große Mengen lagern auf der andinen Hochebene. 2025, dem Jahr der 200-jährigen Unabhängigkeit Boliviens, sollten die Industrieanlagen für Lithium-Batterien eingeweiht werden.

Doch seit im November 2019 Präsident Evo Morales durch einen Putsch gestürzt wurde, ist das innovative Vorhaben gefährdet: Lithium in Bolivien zu verarbeiten – und nicht nur als Rohstoff zu exportieren.

Innovation in den Anden

„Die Geschichte des Cerro Rico in Potosí darf sich nicht wiederholen – ob es nun um Lithium, Eisen oder Erdöl geht“, sagt Evo Morales in seiner Antrittsrede im Jahr 2006. Immer wieder beschwört der erste indigene Präsident Südamerikas ein altes Trauma – verbunden mit dem Cerro Rico, dem Reichen Berg, der die Stadt Potosí überragt. Symbol der spanischen Kolonialgeschichte in Bolivien. Die spanischen Eroberer plünderten vom 16. Jahrhundert an das Land aus, vor allem die Silbervorräte des Reichen Berges. Zum Wohle der spanischen Krone. Für die Menschen in den Anden blieb nichts übrig. Nie wieder Potosí, heißt es deshalb. Gemeint ist damit auch, nie wieder Rohstoffe unverarbeitet abzugeben. „Wir möchten eine Ressource wie Lithium tatsächlich selbst industriell verarbeiten“ betont Evo Morales: „Wir haben keine andere Wahl. Nur so können wir den Mehrwert selber einstecken. Wenn wir darauf verzichten, unsere Rohstoffe zu industrialisieren, werden wir Bolivien nie verändern können.“

Die Ressource liegt im „Salar de Uyuni“, der größten Salzwüste der Erde, auf 3650 Metern Höhe im Südwesten Boliviens. Es knirscht unter den Schuhsohlen wie hart gefrorener Schnee. Unter der dicken Salzkruste verbirgt sich ein gigantischer Schatz, von den umliegenden Vulkanen vor vielen Jahrtausenden mit Schlamm und Wasser herunter geschwemmt und in den Tiefen des Salzsees gelagert: Lithium – auch das „weiße Gold“ genannt. Bolivien besitzt die weltweit größten Reserven dieses Rohstoffs. Er wird gebraucht für Akkus von Laptops, Tablets und Smartphones, für Stromspeicher von Solarsystemen. Vor allem aber für das Auto der Zukunft: Das Elektroauto.

Multis sind nur hinter dem Rohstoff her

Rohstoffhungrige Konzerne haben ihre begehrlichen Blicke schon seit längerem auf den Schatz geworfen. Vizeminister Luis Alberto Echazú, der seit den Anfängen der Morales- Regierung mit der Lithium-Frage befasst ist, kritisiert: „Die Angebote liefen immer darauf hinaus, nur den Rohstoff Lithium zu fördern. Nie wurde uns eine industrielle Entwicklung vorgeschlagen“.

Die Regierung von Evo Morales entschließt sich deshalb, es auf eigene Faust zu versuchen, ohne ausländische Firmen. Mit dem Einstieg in die Industrialisierung von Lithium wagt die Morales-Regierung einen Schritt, den die meisten südamerikanischen Länder meiden. So z.B. die beiden Nachbarländer Argentinien und Chile: Die belassen es beim Export ihrer Rohstoffe, gefördert von ausländischen Konzernen. Héctor Córdova, früher Leiter der staatlichen Bergbaugesellschaft COMIBOL, ist anfangs von der Idee angetan: „Dieser Plan, Lithium zu fördern und industriell weiter zu verarbeiten, ist meiner Meinung nach das kühnste Projekt, das Bolivien in seiner ganzen Geschichte in Angriff genommen hat.“

Im Jahr 2008 wird eine erste Pilotanlage für die Lithium-Verarbeitung in Llipi am Rande des „Salar de Uyuni“ gebaut. Aber es fehlt zunächst an Know-how und der notwendigen Technologie. Es geht deshalb nur langsam voran.

Elf Jahre später: Über aufgeschüttete Dämme, die im Weiß des Salar angelegt sind, geht es zu riesigen Verdunstungsbecken, auch Schwimmbäder genannt. Aus einem Rohr ergießt sich graue Flüssigkeit in ein Becken. Es ist Salzlake. Woraus die besteht, erklärt Oscar Roman Quiñones, einer der leitenden Ingenieure in Llipi: „In dem Wasser ist eine salzhaltige Materie enthalten“. Sie sei reich an Lithium, Kalium, Magnesium, Sulfaten und Chlorid. Das Lithium wird zusammen mit den anderen chemischen Stoffen herausgefiltert. Alle Stoffe sollen einmal verarbeitet werden. Bei Kalium sei das bereits geschehen. Daraus werde, so Quiñones, „hauptsächlich Dünger hergestellt. Und unser wichtigster Absatzmarkt ist Brasilien, schon wegen der Nähe“. Die Düngemittel-Fabrik und Technologie lieferte China. Gegen Bezahlung.

In der Pilotanlage lernen seit 2008 bolivianische Fachkräfte, Lithium-Karbonat herzustellen. Mit Erfolg. Zum Experimentieren wird es in die Pilotfabrik für kleinere aufladbare Batterien nach La Palca mitten in den bolivianischen Anden geliefert. Das Karbonat eignet sich nicht nur für Batterien, sondern auch für die Produktion von Keramik, Glas und Zement. Doch mit der Herstellung von Lithium-Hydroxid, das aus der Restsole gewonnen wird, sind die bolivianischen Techniker nicht vertraut. Lithium-Hydroxid hat gegenüber Lithium-Karbonat einige Vorteile: Es erhöht die Lebensdauer von Autobatterien, garantiert eine größere Reichweite der Autos und erzielt höhere Preise.

2018 beschließt Boliviens Regierung schließlich, dass Auslandskapital kein Tabu mehr sein solle.

Joint Venture mit einem deutschen Unternehmen

Den ersten Zuschlag bei der industriellen Verarbeitung der riesigen Vorkommen in Bolivien erhält ein Unternehmen aus Deutschland, zur großen Überraschung der Mitbewerber aus China. Am 12. Dezember 2018 gründen das bolivianische Staatsunternehmen „Yacimientos de Litio Bolivianos“, kurz YLB genannt, und die deutsche „ACI Systems Alemania GmbH“, ACISA, ein Joint Venture. Geplant ist eine Produktionskette vom Hydroxid bis zur Herstellung von Autobatterien.

Von einer Win-Win-Situation spricht Luis Alberto Echazú, damals Vizeminister im bolivianischen Energieministerium: „Wir steuern Technologie, Geld, Wissen, Dienstleistungen, eine enorme Infrastruktur für die wissenschaftliche und technologische Forschung bei.“ Die andere Seite verpflichte sich, Technologie einzubringen und zu transferieren, die Finanzierung sicherzustellen, staatliche Zuschüsse zu akzeptieren und den Marktzugang zu öffnen.

Autobatterien made in Bolivia

Der Vertrag zwischen ACISA und YLB hat eine Laufzeit von 70 Jahren. 51 Prozent Anteile am Unternehmen hält die staatliche Lithium-Gesellschaft. Für die Bolivianer*innen ist der Zugang zum europäischen Markt von großer Bedeutung; für die Deutschen der Zugriff auf das „weiße Gold“. „Bei der Verarbeitung der Salzlake fallen jährlich 35.000 bis 40.000 Tonnen Hydroxid an, aber wir brauchen für unsere Batterieherstellung nur 8000 Tonnen“, erklärt Echazú: Der Rest gehe nach Europa. Und soll dort von ACISA kommerzialisiert werden. Es wird geschätzt, dass damit Batterien für 800.000 Fahrzeuge produziert werden können.

In La Palca wartet man seit der Vertragsunterzeichnung ungeduldig auf die weitere Entwicklung, besonders auf die von ACISA versprochene gemeinsame Batteriefabrik. Ziel: Autobatterien „Made in Bolivia“. Grundlegendes Know-how ist in La Palca vorhanden: Hunderte von Stipendien für ein Technikstudium an in- und ausländischen Hochschulen finanzierte die Morales-Regierung. Versuchsanlagen wurden eingekauft, inklusive Technologietransfer. Das heißt: Know-how aneignen und dann weiter entwickeln, so wie es einige fernöstliche Länder vorgemacht haben. Das gilt auch für den Deal mit ACISA, meint Echazú: „Wir müssen deshalb unsere eigene Forschung weiter vorantreiben. Wenn nicht bleiben wir stehen. In zehn Jahren wären wir dann aus dem Rennen.“

Innovation und Industralisierung adè?

Doch kaum war der Vertrag mit ACISA unterzeichnet, waren auch kritische Stimmen zu hören. Skeptisch war zuletzt auch Héctor Córdova, der früher die staatliche Bergbaugesellschaft COMIBOL leitete: „Mit ACISA könnte uns passieren, was wir schon viele Male in der bolivianischen Geschichte erlebt haben: eine frustrierte Illusion und wieder mal nur der Export von Rohstoffen.“

Und genau das scheint nun zu passieren, denn seit November 2019 diktiert eine reaktionäre neoliberal gestimmte Putschregierung in La Paz den politischen und ökonomischen Kurs. Die geplanten Neuwahlen im Mai sind wegen Covid-19 auf auf unbestimmte Zeit verschoben. Zeit genug, um auf wirtschaftlichem Gebiet vollendete Tatsachen zu schaffen. Innovation adé? Und Trauma ohne Ende?