Argentinien-Krise dank IWF

Der Internationale Währungsfonds (IWF) gewährt Argentinien den größten Kredit in seiner Geschichte. Doch die Verwendung der Mittel birgt große Gefahren. Von Hector Torres, Gastautor von Euro am Sonntag

Zum ersten Mal musste sich ­Argentinien 1958 vom IWF Geld leihen. In den sechs Jahrzehnten, die seitdem vergangen sind, hat das Land 22 Vereinbarungen mit dem Fonds unterzeichnet. Die meisten von ihnen scheiterten.

Das jüngste Kapitel begann im Juni 2018, als das Land unter Haushalts- und Leistungsbilanzdefiziten von zusammen elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts litt. Die Investoren fingen an, die argentinischen Staatsanleihen zu meiden, was die Macri-Regierung zwang, den Fonds um Hilfe zu bitten.

Mit erheblicher Unterstützung der USA erhielt Argentinien bald einen Kredit vom IWF in Höhe von 50 Milliarden Dollar, der in den nächsten drei Jahren abgerufen werden sollte. Der Fonds stimmte – widerwillig – zu, den Kredit um zusätzliche sieben Milliarden Dollar auf 57 Milliarden aufzu­stocken. Darüber hinaus sollen etwa 90 Prozent der Gesamtsumme, also 51,2 Milliarden Dollar, bereits vor der nächsten argentinischen Präsidentschaftswahl Ende 2019 ausgezahlt werden.

Dies ist der größte Kredit, den der IWF jemals einem Land gegeben hat, und die darbende Wirtschaft Argentiniens ist auf diese Finanzspritze dringend angewiesen. Am 15. April überwies der Fonds eine Anzahlung von 9,6 Milliarden Dollar. Aber statt dieses Geld zur Aufstockung ihrer ausländischen Währungsreserven oder zur Abzahlung von Schulden zu verwenden, kauft die Macri-Regierung damit argentinische Pesos.

Die Geschichte von 2001 könnte sich wiederholen

Die Regierung argumentiert, die Staatskasse müsse die 9,6 Milliarden Dollar auf dem Inlandsmarkt verkaufen, um auf Peso lautende Haushaltskosten zu decken. Obwohl die Kreditaufnahme von Dollar zum Kauf von Pesos unüblich scheint, hat der IWF zugestimmt. Die Regierung darf das Geld des Fonds aber nur in homöopathischen Dosen von bis zu 60 Millionen Dollar täglich nutzen.

Das alles ergibt keinen Sinn. Denn im Rahmen ihrer Vereinbarung mit dem IWF hat sich die Regierung verpflichtet, ihren Primärhaushalt (ohne Zinszahlungen) defizitfrei zu halten und über 70 Prozent aller Zins- und Rückzahlungen öffentlicher Schulden in Pesos zu begleichen. Beide Bedingungen hält die Regierung strikt ein und ist dabei, 100 Prozent ihrer Zinsen und fälligen Kredite auf Pesos umzustellen und damit ihr Jahresziel zu übertreffen.

Daher hat die Regierung keine haushaltspolitischen Gründe, die IWF-Dollar zum Kauf von Pesos zu verwenden. Statt dessen nutzen die Behörden – mit Einverständnis des IWF – das Geld, um bis zu den Wahlen im nächsten Jahr den Wechselkurs des Peso stabil zu halten und damit Macris Chancen auf Wiederwahl zu verbessern.

Aus mehreren Gründen sollte der IWF dies nicht unterstützen. Zunächst einmal untergräbt der Fonds, indem er solche Fehler und falsche Argumente fördert, die Bemühungen, die Beziehungen zwischen Argentinien und dem Fonds zu normalisieren. Darüber hinaus werden die Dollar, welche die Regierung in diesem Jahr zur Stützung des Peso ausgibt, von der nächsten Regierung dringend benötigt, um 2020 fällige Schulden und Zinsen zahlen zu können.

Mit 9,6 Milliarden Dollar – statt der gleichen Summe in abgewerteten Pesos – wäre die nächste Regierung in einer besseren Position, wenn sie, was unvermeidlich scheint, die aktuelle Vereinbarung mit dem IWF erneut verhandelt. Und der Versuch, den Peso zu stabilisieren, könnte sogar scheitern – angesichts dessen, dass eine tägliche Auktion von 60 Millionen Dollar nicht genug ist, um Ausschläge auf dem Devisenmarkt zu verhindern. Und je mehr Argentinien privilegierten Gläubigern wie dem IWF schuldet, desto schwerer wird es, private, „nicht privilegierte“ Investoren dazu zu bewegen, ihre Forderungen zu verlängern und das Land auch noch 2020 oder später zu finanzieren.

Und der IWF sollte gewarnt sein. Im Oktober 2001, rund 60 Tage vor seinem Staatsbankrott, lieh sich Argentinien acht Milliarden Dollar vom IWF. Den größten Teil dieses Geldes verwendete das Land dazu, Pesos von institutionellen Investoren zu kaufen, die das Land verließen. Der IWF ist dabei, diesen großen Fehler zu wiederholen.